Es wird bald wieder unterm Netz gespielt - doch müssen die Fans draußen bleiben?

Interview mit Uwe Näthler, Vorsitzender des Regionalspielausschusses (RSA) Nordost und nordostdeutscher Regionalspielwart

 

Die nun schon seit Monaten andauernde Coronavirus-Pandemie hat das gesamte öffentliche Leben total verändert, nicht nur hierzulande, sondern weltweit. Darunter litt natürlich auch der gesamte Sport - vom Profi- bis zum Amateursport. Im Volleyball war der Spielbetrieb der Saison 2019/2020 von der 1. und 2. Bundesliga bis runter zur Dritten Liga und dem Regionalbereich am 12. März vorzeitig beendet worden. Aufgrund des Saisonabbruchs wurden auch keine Meister gekürt. Für den Auf- und Abstieg wurden Sonderregeln vereinbart (siehe dazu auch das Interview mit Uwe Näthler in der Wochenumschau auf unserer Homepage). Seitdem aber wurde in den Hallen kein Ball mehr übers Netz gespielt. Der komplette Spielbetrieb ruhte und warf mit Blick auf die bevorstehende Saison unendlich viele Fragen und Probleme auf. Nun soll am 1. Oktober der Saisonauftakt auch in der Regionalliga Nordost vollzogen werden. Ex-Regionalpressewart Jürgen Holz sprach dieser Tage mit Uwe Näthler über den Stand der Dinge und über den Fortgang der Saison 2020/2021.

 

Werfen wir zunächst noch einen Blick zurück auf den Abbruch der Saison 2019/2020. Wie haben die Mannschaften darauf reagiert? Hätte es auch andere Entscheidungen geben sollen?

 

Diese Frage lässt sich nur mit dem Wissensstand vom März 2020 beantworten. Wir hatten die Überlegung, eine Tabelle gemäß eines Quotienten zu erstellen, also Punkte geteilt durch Anzahl der Spiele. Damit hätten wir zwar eine klare Tabellensituation geschaffen, es wäre aber auch keine vollends faire Wertung gewesen. Es waren schließlich nicht alle Spiele gespielt. Direkte Vergleiche zwischen Spitzenteams bzw. Abstiegskandidaten waren noch offen. Fast alle Mannschaften haben unsere Wertung der vergangenen Saison als momentan fairste Lösung akzeptiert. „Fast“ bedeutet: Die Männer des Teams TSGL Schöneiche II waren sehr enttäuscht über unsere Entscheidung. Da sie kein Aufstiegsrecht besaßen, wäre die mögliche Titelverteidigung als Nordostmeister die einzige Belohnung für eine tolle Saison gewesen. Zugegeben: Ein sehr bedauerlicher Kollateralschaden.

 

Keine Regionalmeister, aber jede Menge Aufsteiger. Was bedeutet das für die beiden Staffeln?

 

Die Auswirkungen des vermehrten Aufstiegs werden uns noch mehrere Jahre begleiten, bis wir die normale Staffelstärke von 11 Mannschaften in der Regionalliga Nordost wieder erreichen. Es sind auch jeweils drei Mannschaften in die Staffeln der Dritten Liga Nord aufgestiegen. Wir werden also in den nächsten Jahren mit eventuell zwei Rückkehrern in die Regionalliga Nordost rechnen müssen. Da auch die Regionalliga Nordost mit 13 Teams bei den Frauen und 12 Teams bei den Männern über dem Soll liegt, werden über mehrere Jahre vier statt drei Teams absteigen müssen. Eine Relegation um freie Plätze ist damit hinfällig, und aus den Ländern dürfte maximal ein Team aufsteigen. Zum Beispiel wäre bei den Frauen für 2021/2022 eine Staffelstärke von 14 oder sogar 15 Teams möglich. Aber auch das ließe sich regeln, indem wir die Teams gleichmäßig auf zwei „Unterstaffeln“ verteilen und den Meistertitel in einer Playoff-Runde ausspielen. Alles ist also möglich. Aber: Wir schaffen das.

 

Bestimmt wurden die letzten Wochen vor allem durch die verschiedensten Hygiene-Konzepte mit dem Ziel eines größtmöglichen gesundheitlichen Schutzes für die Spielerinnen und Spieler, für die Trainer und Betreuer, für die Schiedsrichter, aber auch für die Fans. Erarbeitet wurden beispielsweise "Übergangsbestimmungen zur Wiederaufnahme des Spielbetriebes in den Dritten Ligen und in den Regionalligen für die Saison 2020/2021" und "Handlungsempfehlungen Zurück zum Volleyballspiel im Amateurbereich unter Berücksichtigung von Schutz- und Hygienemaßnahmen im Hallen- und Beachvolleyball". Die Konzepte sind so umfangreich, dass man sich unwillkürlich fragt, ob das in der Praxis tatsächlich 1:1 umgesetzt werden kann. Was lässt sich im Kern über die Bestimmungen sagen?

 

Das Handlungskonzept des DVV ist kein Dogma. Hier soll den Vereinen eine aktuelle Hilfestellung gegeben werden, um möglichst alle Aspekte zur Erstellung eines eigenen konkreten Hygienekonzepts zur Vorlage bei ihrer örtlichen Behörde oder dem Gesundheitsamt zu berücksichtigen. Nicht alle Punkte des Konzepts lassen sich überall anwenden. Hier sind die Vereine verpflichtet, ihre Hygienekonzepte mit den Anforderungen und Auflagen ihrer örtlichen Behörde in Übereinstimmung zu bringen.

 

Immer wieder kursierten die verschiedensten Termine des Saisonstarts in der Regionalliga Nordost. Da war vom September, dann vom Oktober und sogar von noch später die Rede. Wie ist augenblicklich der Stand der Dinge?

 

Unsere Mannschaften hatten ihre „Hausaufgaben“ zur Organisation der Saison vorbildlich erledigt, so dass wir die Saison planmäßig am 12. September hätten starten können. Es war aber auch allen bewusst, dass das von behördlichen Bestimmungen auf Grund des Pandemieverlaufs abhängt. Da im Land Brandenburg selbst das Volleyballtraining für Über-27-jährige bis zum 4. September verboten war und dieses Verbot die Mehrheit der Spielerinnen und Spieler betraf, war in der Dritten Liga und in der Regionalliga Nordost ein fairer Saisonbeginn nicht möglich. Selbst bei einer Aufhebung des Verbots zum 5. September wären die Brandenburger Teams ohne Saisonvorbereitung in die Wettkampfspiele gestartet. Daher wurde nunmehr entschieden, die Spielsaison in der Dritten Liga Nord und Regionalliga Nordost am 1. Oktober zu beginnen. Auch die Möglichkeit einer Absage der kompletten Hinrunde wurde erwogen, wenn es einen noch späteren Saisonbeginn gegeben hätte, aber im Interesse aller anderen Mannschaften verworfen. Nach dem heutigen Wissensstand sind nunmehr die Unwägbarkeiten weitgehend ausgeräumt.

 

Unter welchen Modalitäten wird nunmehr die Saison begonnen?

 

Nach den derzeit geltenden Bestimmungen können wir die Saison ab 1. Oktober „normal“ spielen. Ob mit oder ohne Zuschauer, mit welchen Einschränkungen oder Auflagen i- das ist abhängig von dem örtlichen Hygienekonzept des Vereins und dessen Genehmigung durch die regionale Behörde. Was die ursprünglich geplanten drei Spieltage vom September anbelangt, so werden sie im April nachgeholt, also nach dem eigentlichen letzten Spieltag am 28. März 2021.

 

Besteht auch jetzt noch immer die Gefahr, dass die Saison womöglich nicht bis zu Ende gespielt wird?

 

Natürlich kann die Situation in den folgenden Monaten dazu führen, dass die laufende Saison unterbrochen oder sogar abgebrochen wird. Diese Möglichkeit kann jederzeit eintreten.

 

Wie groß sind die Befürchtungen, dass im Verlaufe der Saison die eine oder andere Mannschaft aufgrund des Coronavirus ausscheren muss?

 

Auch hier besteht die Gefahr, dass eine Mannschaft durch Krankheitsfälle bzw. Quarantäne spielunfähig wird. Auch in diesem Fall werden wir eine faire Lösung finden. Bei allen Unwägbarkeiten des Saisonverlaufs gilt: Wir wollen unseren Mannschaften das Volleyballspiel ermöglichen und allen Teams dafür möglichst faire Bedingungen schaffen.

 

Welche Handlungsempfehlungen sind den Regionalliga-Mannschaften ganz besonders ans Herz zu legen?

 

Hier möchte ich auf einen Artikel auf der Website meines Vereins TSGL Schöneiche verweisen, den ich in leicht geänderter Form hier gern zitiere: „Für alle Sportlerinnen und Sportler sollte der gegenseitige Gesundheits- und Epidemieschutz oberste Priorität haben. Deshalb empfehlen wir allen Urlaubsrückkehrern aus dem Ausland, aber auch aus den hochfrequentierten Urlaubshochburgen in Deutschland im unmittelbaren Anschluss an ihren Urlaub eine einwöchige Trainings- und Sportpause in ihren Trainingsgruppen.“ Sollten sich nach dieser Zeit keine Erkältungs- oder ähnliche Krankheitssymptome zeigen, dürfte die Ansteckungsgefahr wohl schon erheblich reduziert sein, auch wenn sie natürlich nie ganz auszuschließen ist. Bei Krankheitssymptomen und nach Kontakt mit infizierten Personen darf jedoch nicht am Sport teilgenommen werden. Deshalb möchte ich ausdrücklich betonen: Bitte helft mit, alles in unseren Möglichkeiten Stehende zu tun, damit wir von der befürchteten “zweiten Virus-Welle” verschont bleiben und die jetzige Öffnungseuphorie nicht schon bald wieder in einem erneuten Lockdown endet. Für uns alle, vor allem aber natürlich für unsere im Trainings- und Wettkampfbetrieb stehenden Mannschaften, wäre eine erneute Schließung der Sporthallen sowohl eine allgemein verfügte, aber vor allem durch einen möglicherweise von uns selbst verursachten “Hotspot” eine mittlere Katastrophe, deren Folgen nur schwer abzuschätzen sind. Lasst uns also alle gemeinsam möglichst achtsam miteinander umgehen, so wie es sich für Sportkameraden gehört. Dem kann ich nichts hinzufügen!

 

Ein Wort noch zu den jüngsten Plänen des Dachverbandes zur Finanzierung des gemeinsamen Nachwuchskonzeptes. Man ist geneigt, dem DVV vorzuwerfen, dass er die Vereine finanziell abzockt. Wie sehen Sie das als Vorsitzender des Regionalspielausschusses Nordost?

 

Folgendes ist vorweg zu sagen: Ich verstehe die Nöte des DVV, in Zeiten der finanziellen Knappheit - nicht zuletzt auch durch Kürzung der staatlichen Zuschüsse - eine Fortführung der Talentförderung zu sichern. Die Einführung einer Jugendförderabgabe wurde bereits vor einem Jahr beabsichtigt. Die Landesverbände beschlossen jedoch, diese Finanzierung der Bundesstützpunkte und Nationalteams durch Beiträge der Landesverbände zu sichern. Nunmehr gibt es Überlegungen, über eine „Jugendförderabgabe“ der überregionalen Mannschaften von der 1. bis zur 4. Liga eine Summe von 120 000 Euro zu erzielen, und zwar hälftig aus Ordnungsstrafen der Ligen und/plus Beiträgen/Abgaben der Mannschaften. Konkret heißt das: 100 Euro pro Team der Regionalliga, 200 Euro für die Dritte Liga und 300 Euro für die 2. Bundesliga. Bei den Ordnungsstrafen müsste beispielsweise die Regionalliga Nordost 1800 Euro pro Jahr erzielen. Eine solche Planung halte ich für buchhalterischen Unsinn, ebenso wäre eine darin zu vermutende Aufforderung zur Erzielung dieser Summe sportpolitischer Sprengstoff. Ein Ausbleiben der Einnahmen aus Ordnungsstrafen hätte aber demnach eine Verdopplung der Teambeiträge zur Folge, damit die Gesamtsumme der Jugendförderabgabe erreicht wird. Beschlossen würde dieses Vorhaben auf der Mitgliederversammlung des DVV, also durch die Landespräsidenten unserer Mannschaften.

Nehmen wir als Beispiel einen Verein mit weiblichen Mannschaften in der 2. Bundesliga, in der Dritten Liga und in der Regionalliga. Um diese drei Mannschaften mit der erforderlichen Anzahl an Spielerinnen zu besetzen, muss der Verein eine langjährige und finanziell aufwändige Jugendarbeit leisten. Dieser Verein bildet demzufolge die Jugendlichen über fünf, sechs Jahre aus, um mit ihnen dann den Grundstock für die Mannschaft im Bundesstützpunkt zu liefern. Dafür soll dieser Verein nunmehr zusätzlich 1200 Euro Jugendförderabgabe leisten.

Um es mit allem Nachdruck zu sagen: Ich halte diesen Weg für absolut falsch. Die Talentförderung innerhalb des DVV kann nicht einzelnen Mannschaften oder Vereinen der überregionalen Ligen zur Last gelegt werden. Das kann nur eine Aufgabe aller Volleyballer und Volleyballerinnen als Solidargemeinschaft sein. Im Klartext: eine Finanzierung durch den DVV bzw. über die Landesverbände. In der Einführung einer Abgabe nur für einen Teil der Mannschaften sehe ich die Gefahr einer weiteren Abwanderung von Mannschaften aus dem Spielbetrieb sowie eines weiteren Mitgliederschwunds in den Vereinen.

 

Wo sehen Sie alternative Überlegungen?

 

Im Bereich des Beachvolleyballs gibt es im DVV eine Höchstzahl geförderter Mannschaften. Im Hallenvolleyball gibt es gefühlt immer mehr Bundesstützpunkte mit Sonderspielrechten. In jedem Bundesstützpunkt wiederum sind viele Toptalente, die dort gefördert werden. Ich kann in dieser Masse nicht die Erzielung einer adäquaten Klasse erkennen. Ansonsten würde der deutsche Hallenvolleyball international ganz anders dastehen. Meine Überlegung wäre, diesen „Wildwuchs“ an Bundesstützpunkten und Sonderspielrechten zu begrenzen. Allerdings müsste der DVV dann auch einen kräftigen Gegenwind von regionalen Interessen aushalten. Vielleicht würde man aber mit drei Stützpunkten über Deutschland verteilt eher eine Konzentration auf die Förderung von „Klasse“ erreichen. Der finanzielle Bedarf dürfte dann auch geringer ausfallen. Für die Sportverbände gilt das Gleiche wie für jeden Einzelnen: Ich kann mir nur das leisten, was ich auch finanzieren kann!

Uwe Näthler, besten Dank für dieses Gespräch.

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