Das Notfall-Spielsystem der Saison 2021/2022 – auch ein Modell für die Zukunft?

Ein Gespräch mit Uwe Näthler, RSA-Vorsitzender und Regionalspielwart Nordost

 

 

Die Sehnsucht der Volleyballerinnen und Volleyballer, endlich wieder zu ihrem gewohnten Spiel zurückkehren zu dürfen, kann vorerst leider nicht erfüllt werden. Angesichts der Corona-Pandemie und der strengen Bestimmungen in allen 16 Bundesländern ruht der Amateursport auch weiterhin. Doch hinter den Kulissen werden alle möglichen Überlegungen angestellt, wie es mit dem Volleyballsport weiter gehen könnte, wenn die Rückkehr aufs Parkett wieder erlaubt ist.

Auch im nordostdeutschen Regionalspielausschuss (RSA) hat sich einmal mehr Uwe Näthler, der demnächst seinen 69. Geburtstag begeht und der sich seit nunmehr 17 Jahren an der Spitze des RSA mit ganzer Leidenschaft für den Volleyball engagiert, viele Gedanken über die Volleyball-Zukunft gemacht. Herausgekommen ist dabei ein sogenanntes Notfall-Spielsystem für die Saison 2021/2022, das womöglich auch Modellcharakter für die Zukunft haben könnte. Einstimmig beschlossen wurde es auf der jüngsten RSA-Videokonferenz am 11. Februar 2021. Der langjährige Regionalpressewart Jürgen Holz führte danach mit Uwe Näthler das folgende Gespräch.

Zunächst, Uwe Näthler, werfen wir noch einen Blick zurück auf das vergangene Spielgeschehen: Abbruch der Saison 2019/2020 am 12. März 2020 und schließlich nach langem Hin und Her auch Abbruch der ohnehin erst im Oktober gestarteten Saison 2020/2021 auf definitiven Beschluss von Vorstand und Präsidium des DVV. Keine Meister und keine Absteiger seit nunmehr zwei Jahren. Wie lässt sich die Stimmung an der Basis beschreiben?

Die Spielerinnen und Spieler von der Dritten Liga abwärts sind natürlich enttäuscht über die Lage, zumal nahezu überall strenge Hygienebestimmungen und ausgefeilte Konzepte entwickelt wurden, wie das Spielgeschehen aufrecht erhalten werden könnte. Doch alle gut gemeinten Überlegungen zuletzt auf dem erstmaligen Regionalliga-Staffeltag per Videokonferenz im Oktober 2020, als noch von einer befristeten Spielpause zunächst bis zum 30. November 2020 ausgegangen wurde, erwiesen sich als hinfällig. Sie scheiterten, um es auf einen kurzen Nenner zu bringen, an den bundesweit dramatisch ansteigenden Infektionszahlen mit dem Coronavirus, so dass auch weiterhin der Freizeit- und Wettkampfsport untersagt wurde. Die Tatsache allerdings, dass nach einer von mir durchgeführten Umfrage unter den Regionalligisten letztendlich eine Mehrheit für die Fortsetzung der Saison auf freiwilliger Basis votierte, verdeutlicht den ungebrochenen Willen, auch weiterhin sozusagen am Ball zu bleiben. Es gibt nach bisherigem Stand auch keine Absagen und Rückzüge in den beiden nordostdeutschen Regionalliga-Staffeln.

Können sich die Vereine nach zweimaligen Saisonabbrüchen Hoffnungen machen, finanziell entschädigt zu werden, indem sie Startgebühren oder Schiedsrichterpauschalen zurückerstattet bekommen?

Ja, das wird der Fall sein – allerdings mit einer Einschränkung: Eine Rückerstattung bei den Startgelder wird es nicht geben, weil sich die organisatorischen Aufwendungen kaum verringert haben. Aber bei den Schiedsrichterpauschalen können die Vereine mit einer durchschnittlichen Rückerstattung in Höhe von 1000 Euro pro Mannschaft rechnen. In diesem Zusammenhang will ich auch den Beschluss der RSA-Videokonferenz in der vorigen Woche erwähnen, auf der für die kommende Saison 2021/2022 das Startgeld wie bisher mit 214 Euro pro Mannschaft und die Schiedsrichterpauschale ebenso wie bisher mit 220 Euro pro Spiel beschlossen wurden.

Damit sind wir bei der nächsten Saison und dem sogenannten Notfall-Spielsystem. Es gründet sich im Kern auf die Überlegung, dass es keinen Modus wie üblich „jeder gegen jeden“ geben wird, sondern beide Staffeln in zwei Gruppen eingeteilt werden. Bevor wir zu Details kommen die Frage: Was waren die Ausgangsüberlegungen für einen veränderten Spielmodus?

Da spielten mehrerlei Gedanken eine Rolle: Zunächst mal die Überlegung, wie reagieren wir, wenn irgendwann im Laufe der nächsten Saison die Inzidenzwerte wieder steigen und steigen und es zwangsläufig zu erneuten Unterbrechungen der Saison kommt? Zum anderen steht die Überlegung im Raum: Wenn die Starterfelder in den beiden Staffeln zahlenmäßig steigen, was zu erwarten ist, weil es keine Absteiger gibt, aber es eben berechtigte Aufsteiger aus den Landesspielklassen geben könnte, dann können wir eine Saison mit womöglich 26 oder 30 Spieltagen so gut wie unmöglich über die Runden bringen. Also muss das Spielsystem entzerrt und damit auf den üblichen Modus „jeder gegen jeden“ verzichtet werden.

Ist das nicht womöglich ein Verstoß gegen die Bundesspielordnung und eine Wettbewerbsverzerrung, wenn nicht jeder gegen jeden spielt?

Was die Bundesspielordnung anbelangt, so schreibt sie lediglich vor, dass die Spiele in Hin- und Rückspiel ausgetragen werden müssen. Eine definitive Festlegung, dass dabei jeder gegen jeden spielen muss, gibt es in der BSO nicht. Insofern dürfte aus meiner Sicht auch eine dementsprechende Klage des VT Hamburg, über die die Spruchkammer Nord noch befinden muss, kaum Aussicht auf Erfolg haben. Zur möglichen Wettbewerbsverzerrung wäre zu sagen, dass das aus meiner Sicht etwas zu hoch gegriffen ist, auch wenn ich natürlich einräume: Es ist ein gewisser Nachteil, den Modus „jeder gegen jeden“ zwangsläufig aufzugeben. Aber wenn wir uns das neue Spielsystem im Detail ansehen, so sind die vermeintlichen sportlichen Nachteile eher gering.

Nun also zum neuen Spielsystem und den Details: Wie soll das Notfall-Spielsystem für die Regionalligasaison 2021/2022 funktionieren?

Es ist realistisch davon auszugehen, dass die Frauenstaffel mindestens 14 Mannschaften und die Männerstaffel einschließlich VC Olympia Berlin 13 Mannschaften umfassen wird. Beide Staffel werden leistungsgerecht in zwei Gruppen eingeteilt, nennen wir sie mal A- und B-Gruppe. Bei den Frauen wären es 7 Mannschaften pro Gruppe, bei den Männern eine Gruppe mit 7, die andere mit 6 Mannschaften. Innerhalb der Gruppen wird mit Hin- und Rückrunde gespielt. Nach dieser Vorrunde wird es zwei Finalrunden geben, die eine ermittelt den Meister, die andere die Absteiger. In der Meisterfinalrunde spielen jeweils die ersten drei Teams der Gruppen A und B, bei den Frauen und Männern käme der VC Olympia Berlin hinzu. Die übrigen Mannschaften spielen in der Abstieg-Finalrunde. Die Teilnehmer einer Finalrunde aus der gleichen Vorrundengruppe nehmen ihre dort gegeneinander erzielten Spielergebnisse in die Finalrunde mit. In den beiden Finalrunden werden Hin- und Rückspiele gegen die Finalteilnehmer aus der anderen Gruppe ausgetragen und somit beide Meister und die Absteiger ermittelt. Bei den Frauen ergäbe das in der Vorrunde mit 7 Teams jeweils 12 Spiele pro Mannschaft, also 6 Hin- und 6 Rückspiele. In der Finalrunde der ersten Drei aus Gruppe A und Gruppe B kämen für jede Mannschaft 6 Spiele gegen die Finalteilnehmer der anderen Gruppe hinzu, also zusammen 18 Spiele. Würde die Frauenstaffel nach altem Modus „jeder gegen jeden“ spielen, würden bei 14 Mannschaften 13 Hin- und 13 Rückspiele, also 26 Spiele zusammenkommen. Diese Auflistung zeigt die Vorteile bei einer Saison, in der mit vielen Unwägbarkeiten gerechnet werden muss.

Kopfzerbrechen dürfte vermutlich die Einteilung der beiden Gruppen sowohl bei den Männern als auch Frauen bereiten. Wie soll das Problem gelöst werden?

Für die Saison 2021/2022 ist es natürlich schwierig mit dem Anspruch einer leistungsgerechten Aufteilung. Es gibt keinen vollgültigen, aussagekräftigen Tabellenstand – weder aus dem Jahr 2019 noch von 2020. Als Regionalspielwart habe ich mir vorgenommen, mit Augenmaß die Staffeleinteilung vorzunehmen. Dabei sollte vermieden werden, dass alle Brandenburger oder alle Berliner Mannschaften in ein und derselben Gruppe eingeteilt werden. Für die Zukunft wäre eine Einteilung der Gruppen nach dem Tabellenstand der vorherigen Saison etwa nach dem Modus 1., 3., 5., 7., 9.. 11., 13. in der Gruppe A und 2., 4., 6., 8., 10., 12., 14. in der Gruppe B denkbar.

Auf den Punkt gebracht: Welche Vor- und Nachteile hat dieses Spielmodell?

Die Vorteile bestehen darin, dass die Mannschaften nur noch 16 oder 18 Spieltage haben statt bisher 22 und mehr. Daraus ergibt sich auch mehr Freizeit für die Spielerinnen und Spieler für Beruf, Weiterbildung und natürlich für die Familie. Zudem ergibt sich größerer Planungsspielraum für die Mannschaften sowie eine Senkung der Schiedsrichterpauschale um etwa 700 Euro pro Mannschaft. Darüber hinaus können die Heimspiele der Finalrunden mit einem konkreten Datum geplant werden. In den Finalrunden spielen die Teams zum Saisonende gegen gleichwertige Gegner. Und nicht zuletzt: Es können Staffelstärken bis zu 16 Teams gebildet werden. Erst dann ergibt das wieder 22 Spiele wie früher. Einen Nachteil habe ich bereits genannt: Die Mannschaften spielen nicht mehr „jeder gegen jeden“. Die Teams der Vorrunde A (Finale Meister) spielen während der Saison nicht gegen die Teams der Vorrunde B (Finale Klassenerhalt). Dieser Nachteil kann aus meiner Sicht bei der Planung der nächsten Saison für die verbliebenen Teams aus dem Finale Klassenerhalt ausgeglichen werden.

Auf der RSA-Videokonferenz stand auch ein zweites Spielsystem – entworfen vom Matthias Grawe vom VC Blau-Weiß Brandenburg – zur Debatte. Wie sieht dieses Modell aus?

Nach diesem Modell würde zuerst eine komplette Hinrunde „jeder gegen jeden“ gespielt. Danach sollte es eine Teilung in eine Finalrunde um die Meisterschaft (Platz 1 bis 6) und eine Finalrunde um den Klassenerhalt (Platz 7 bis 12) mit den jeweiligen Spielen als Rückspiele geben. Die Vorteile: Die Mannschaften haben nur noch 16 Spieltage statt bisher 22 und damit auch mehr Freizeit wie oben aufgeführt und auch mehr Planungsspielraum. Die Nachteile: Die Mannschaften spielen zwar im bewährten Modus „jeder gegen jeden“, aber eben nur einmal in der Hinrunde gegeneinander. Heim- und Auswärtsspiele verteilen sich zufällig abhängig vom Nummernspielplan. Die Ergebnisse gleichwertiger Teams sind abhängig vom Heimvorteil. Von daher wäre die folgende Teilung in Finalrunden sportlich eher zweifelhaft. Zudem würden die Finalrunden eine erneute Spielplanung erfordern. Die Planung der Heimspieltermine ist vorher nicht möglich und für die meisten Vereine organisatorisch nicht machbar. Die erneut nötige Planung kann ergeben, dass Teams in der entscheidenden Phase der Saison nur noch Auswärtsspiele bestreiten müssten. Kurzum: Dieses Spielsystem wurde wegen der sportlichen und organisatorischen Nachteile vom RSA abgelehnt.

Kann denn überhaupt eine Saison mit dem Notfall-Spielsystem über die Bühne gehen ohne eine ordnungsgemäße rechtliche Absicherung durch die Bundesspielordnung oder durch die Regionalspielordnung?

Es ist - wie richtig betont wird - ein Notfall-Spielsystem, das in der Saison 2021/2022 wegen der erhöhten Staffelstärken sowie möglicher Pandemie-Beschränkungen und damit schwieriger Terminplanungen angewendet werden soll. Der Bundesspielausschuss war zunächst gegen ein solches gesplittetes System als Standard, ist sich jedoch darin einig, dass die Bundesspielordnung für Notfallsituationen dahingehend geändert wird. Sollte das aus irgendwelchen Gründen nicht passieren, müsste der RSA die Regionalspielordnung entsprechend ändern. Damit wäre die Rechtsgrundlage gegeben.

Nun gibt es den RSA-Beschluss, dieses einstimmig beschlossene Spielsystem generell zum Standard-Spielsystem in der Regionalliga ab der Saison 2022/2023 einzuführen. Wie ist dieser Vorgang geplant?

Vorweg will ich noch etwas nicht Unerhebliches herausstellen: Der einstimmige RSA-Beschluss ist auch von den drei Landesspielwarten aus Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt unterstützt und mitgetragen worden. Sie sind authentische Vertreter der Basis in ihrem Bundesland. Der weitere Vorgang wird sich auf ganz demokratischer Grundlage vollziehen: Auf dem Staffeltag wird den Regionalliga-Mannschaften das Spielsystem vorgestellt und mit allen Vor- und Nachteilen erläutert. Bis zum April 2022 findet dann in den Staffeln eine Abstimmung über die generelle Einführung statt. Wichtig ist aus meiner Sicht dabei zu betonen: Für die Annahme als Standardsystem ist laut RSA-Beschluss eine 3/4-Mehrheit der Teams erforderlich! Dadurch wollen wir den Mannschaften nicht ein Spielsystem diktieren, das nicht gewollt wäre. Diese Frage soll allein durch die Mannschaften der beiden Nordost-Staffeln entschieden werden.

 

DVV-Beschluss: Einstellung des Spielbetriebs

zum 19. Februar 2021

Offiziell wurde vom DVV-Präsidium die Einstellung des Spielbetriebes in den Dritten Ligen und Regionalligen per 19. Februar 2021 beschlossen. Weiter heißt es in dem Beschluss: Auf- und Absteiger ebenso wie Meister wird es nach der Einstellung nicht geben. Alle Mannschaften, die für die Saison 2020/2021 für die Regionalliga bzw. Dritte Liga spielberechtigt waren, können diese Spielberechtigung für die Saison 2021/2022 bis zum 15. Mai 2021 beantragen. Nicht vom Saisonende betroffen sind der Spielbetrieb der Deutschen Volleyball-Jugend (DVL) und im Seniorenbereich.

 

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